Greetingman

Yoo Young Ho und eine große Geste, oder einfach nur "Greetingman"

copyright: Yoo Young Ho

Eine viertel Stunde zu früh ist er am vereinbarten Treffpunkt und die erste Begrüßung ist, wie kann es anders sein: Respektvoll und höflich. - Respekt und Höflichkeit, das menschliche Miteinander, Humanismus, den Wert einer Begrüßung und um Kunst geht es in den kommenden Stunden, in denen keiner von uns auf die Uhr schaut. Meine Tour mit Yoo Young Ho, dem koreanischen Bildhauer und Schöpfer des Greetingman beginnt in Insadong, DEM Kunst- und Galerieviertel in Seoul, und als erstes suchen wir ein Restaurant. Kein Eis, das gebrochen werden muss, die Chemie stimmt. Ein magischer Moment baut sich auf. Essen ist in Korea mehr als nur Nahrungsaufnahme. Essen ist Gemeinschaft. Das Essen wird geteilt. Nichts Ungewöhnliches in Korea. Jeder darf alles kosten. Kein Neid, keine Missgunst, kein schlechtes Gefühl, man isst. Yoo Young Ho ist ein ruhiger, sehr bedachter, belesener und gebildeter Mann ohne Starallüren. Er erzählt und plaudert über sich und seine Kunst und beantwortet ohne Zögern alle Fragen, die ihm schon hunderte Male gestellt wurden. Er führt die Tour, führt mich durch Seoul, vorbei an wichtigen Galerien, in zweien davon ist er in der Sammlung vertreten.

Die Sonne scheint, so gut sie es denn durch die Dunstglocke über Seoul hindurch kann und es ist ungewöhnlich warm für Anfang März. Wir schlendern entlang der Palastmauern des Gyeongbokgung-Palace, des alten Königspalastes, hinauf zum Cheong Wa Dae, dem Blauen Haus, dem Präsidentenpalast. Und direkt vis á vis setzen wir uns ins Café in die Märzsonne.

copyright: Ako Kawasaki

"Was bedeutet Kunst für Dich?" frage ich und Yoo Young Ho antwortet "REIS." Wäre er ein deutscher Künstler hätte er Brot geantwortet. - Diese Antwort umfasst alles, was einen großen Mann ausmachen kann. Die Kunst ernährt ihn. Er will der Kunst keine Bedeutung verleihen, die andere dann auseinanderpflücken oder analysieren können, in seiner Kunst kann man lesen. Obgleich Yoo Young Ho an vielen beeindruckenden, oft kritischen Projekten und Skulpturen gearbeitet hat, konzentrieren wir uns auf den Greetingman.

Geprägt von der Geschichte des Vaters, der in Nordkorea geboren und in Südkorea gestorben ist, ohne je erfahren zu haben was aus seinen Verwandten geworden ist, lässt ihn die Idee vom Frieden nicht mehr los.

Keine Post, keine Pakete, keine Telefonate. Der 38. Breitengrad trennt Nord und Süd. Bis heute. Ein Monument des Friedens zu erschaffen, das für Respekt, Versöhnung und Kommunikation steht, ist Yoos Anliegen. Blau als Zeichen für Neutralität. Warum ein Mann, die Frage stelle ich nicht.

Während er erzählt wechselt die Mimik immer wieder von nachdenklich ernst über entspannt lächelnd, sich erinnernd, dass er sich selbst treu geblieben ist und auf die positiven Energien vertraut hat. Glück ist auch im Spiel. Glück die richtigen Entscheidungen getroffen zu haben, Glück, den richtigen Menschen begegnet zu sein. Bei seiner Suche nach Standorten für den Greetingman ist er Korruption begegnet, bürokratischen Hürden und manchmal auch Ablehnung, doch er kämpft unbeirrbar weiter. Seine Vision sind 1000 Greetingman rund um den Globus. Im Schnitt schafft er einen pro Jahr. "Wenn es zwanzig werden bin ich zufrieden." lächelt er, als ich ihm ein sehr langes Leben wünsche.
Um den ersten Greetingman zu finanzieren, zu einer Zeit, als er noch nicht so bekannt ist, fertigt er zunächst 1000 Mini-Greetingmen für eine Ausstellung, die er verkauft, um das Geld für den ersten großen zusammenzubekommen. Symbolisch für das, was er vorhat. 2012 ist es soweit! Der erste Greetingman erblickt das Licht der Welt in Buseo, Montevideo, Uruguay. "Warum Südamerika?" frage ich. Ich kann es mir schon denken und Yoo bestätigt die Annahme. In Südamerika denkt man weniger verschachtelt, ist unkomplizierter, schneller bereit Risiken einzugehen und neugierig und offen.
2013 folgt der zweite Greetingman in der Heimat Südkorea, in Yanggu Heaan. Zwei Jahre vergehen, 2015 steht der dritte auf der Insel Jeju, Südkorea. 2016 können gleich drei errichtet werden. Einer in Panama City, einer in Cayambe, Ecuador.

Ein dritter, der wahrscheinlich wichtigste für Yoo bisher, wird in Yeon Cheon, in der Demilitarisierten Zone in Südkorea, mit Blick nach Norden errichtet, was sofort den Geheimdienst auf den Plan ruft. - Warum der Blick nach Norden? - Es gibt Erklärungsbedarf. Man begreift schnell.

2017 wird der siebte Greetingman aus der Taufe gehoben. Wieder in Südamerika. Und wieder in Ecuador. In Guayaquil.

Nun, inzwischen 2019, kämpft Yoo um die Errichtung eines Greetingman auf der nordkoreanischen Seite mit Blick nach Süden. In seiner Vision stehen sich die zwei Greetingman an der Grenze respektvoll grüßend gegenüber, wie es fernöstlicher Brauch ist. Zwei Unterhändler des Friedens, bereit zur Kommunikation, bereit für Verhandlung. In einer Zeit, die voller Überfluss ist, in der globaler Handel an der Tagesordnung ist, in der Kommunikation über alle Grenzen hinweg kein Thema mehr ist, weil sie einfach an immer mehr Orten ohne größeren Aufwand funktioniert, sollte es möglich sein ein solches Mahnmal zu setzen. Ein Kim könnte, wenn er auf die richtigen Stimmen hört, mit der Unterzeichnung eines Friedensvertrages Geschichte machen. In meinem Kopf ist ein Bild von Kim und Moon mit Gattinnen vom offenbar entspannten Treffen im Herbst vergangenen Jahres. Wenngleich als mediale Botschaft des koreanischen Donga Ilbo sehr bedacht ausgewählt, vermitteln diese Bilder die Möglichkeit von Frieden. - Ein Lächeln öffnet Herzen! Die Staatsmänner wirken vertraut. - Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Reisefreiheit, das wären erste Schritte in die richtige Richtung. Es ist Yoo zu wünschen, dass sein Greetingman auf der Nord-koreanischen Seite der nächste ist. Als Mahnmal und hoffentlich Wahrzeichen eines langwierigen Friedensprozesses, an dessen Ende die Unterzeichnung eines Friedensvertrages steht, der ihm die Möglichkeit eröffnet in die Heimat seines Vaters zu reisen und seine Wurzeln zu finden.

Eine Welt im Umbruch, in der von Krisen die Rede ist und in der ein Trump glaubt diktieren zu können und dabei immer ein "Amerika First" im Hinterkopf hat, braucht Zeichen des Respekts. Die fernöstliche Verbeugung zum Zeichen der gegenseitigen Wertschätzung, bevor man ein Gespräch beginnt, ist was man sich abschauen könnte.

Die jüngsten politischen Entwicklungen lassen hoffen, dass Norden und Süden des geteilten Landes sich einander öffnen und zumindestens eine Reisefreiheit ausgehandelt werden kann. So hatte es damals in Deutschland begonnen.

Berlin ist ein weiterer Standort, den sich Yoo für einen Greetingman wünscht. Er denkt dabei an die Teilung und Wiedervereinigung Deutschlands als Paradebeispiel für einen Friedensprozess. Ähnlich wie der Ost-West-Konflikt Deutschlands und doch zugleich ganz anders ist der Nord-Süd-Konflikt Koreas. Um die Schwierigkeiten, die die deutsche Wiedervereinigung mit sich gebracht hat weiß man in Südkorea und nicht jeder steht der Wiedervereinigung daher offen gegenüber, insbesondere aufgrund der wirtschaftlichen Ungleichheit beider Länder, doch die unpassierbare Grenze zwischen Nord und Süd sollte sich endlich öffnen. Das sehen auch die Südkoreaner.

Nordkorea, Berlin, Vietnam, Palästina, Kirgistan, Brasilien, ...das sind die Orte, die gefallen sind. Orte, an denen ein Greetingman stehen sollte. Der in Seoul lebende und in einer Fabrik außerhalb der Stadt arbeitende Künstler bleibt bescheiden. Es kommt wie es kommt. Er gibt alles, tut, was immer in seiner Macht steht, sucht Kontakte und Möglichkeiten zu Botschaften und Behörden und arbeitet ansonsten sehr gewissenhaft und fokussiert an den Projekten, die seinen Lebenstraum finanzieren.

Der Greetingman wird sein Lebenswerk sein. 1000! Was für eine Zahl! Was für ein Vorhaben! Ein großer Mann, der Bewunderung verdient! - YOO YOUNG HO!

copyright: Ako Kawasaki

Die Zeit vergeht, ohne, dass wir auf die Uhr schauen, es wird Nachmittag und kühl. Wir machen uns auf den Rückweg. Unterwegs habe ich zehn Fragen im Gepäck, auf die mir Yoo Young Ho spontan antworten soll und es scheint, als gefalle ihm die Idee.

1.) Schwarz-weiß oder Farbe? >> Schwarz!
2.) New York oder Tibet? >> Tibet!
3.) Lieblingsbuch? >> (Sagi)
4.) Lieblingsmaler? >> Die Höhlenmalereien von Chauvet.
5.) Dein bestes Jahr? >> Dieses Jahr. Die Vergangenheit ist vergangen.
6.) Je daran gedacht Dich als Künstler zur Ruhe zu setzen? >> Nein.
7.) Rucksack oder Koffer? >> Rucksack.
8.) Berge oder Meer? >> Berge.
9.) Modern oder traditionell? >> Zögern, dann: Traditionell.
10.) Hund oder Katze? (Und nicht zum Essen.) >> Hund.

Ich lächle, ich hatte es mir fast gedacht.

copyright: Ako Kawasaki

Bevor sich unsere Wege trennen besuchen wir noch einen kleineren Greetingman in Seoul und wir beobachten, wie Touristen sich in der Begrüßungsgeste vor ihm verbeugen, Yoo Young Ho lächelt. - Seine Botschaft ist angekommen. Auch ich verbeuge mich und wünsche ihm, dass er die 1000 schafft!