ART COLOGNE - Fatos Irwen, TeaTrees und ein AHA beim Quergedanken an Plattenkalk
Die Beschreibung über die Künstlerin in Händen haltend, liest man nichts über Steine, aber sie sind in jeder Sekunde im Gedächtnis, denn der Arbeitsgrund ist gehalten in der Farbe von Plattenkalk. Welche Farbe ist farbgebend? Farbgebend wo, zu welchem Zweck?
Vielleicht ist man Werken von Fatos Irwen schon einmal begegnet, vielleicht glaubt man ihre Tee Treas schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht erinnert man sich und hält kurz inne, weil Ähnlichkeiten und Analogien verblüffen, vielleicht sogar noch vor Kurzem wahrgenommen. Nicht aber auf Kissenbezügen, sondern in Bodenplatten, oder an Wandverkleidungen. - Kalkplatten. - Eingefrorene Momente aus der Zeit. Für einen Bruchteil der Ewigkeit, der Erdgeschichte, denn das Material arbeitet weiter. Man mag verzeihen, aber der Vergleich muss ausgesprochen werden, präsentiert, denn man würde nicht wertschätzen können, was sich einem offenbart, wenn es nicht Bezug nehmen würde zum Selbst, das angesprochen werden soll, durch die Kunst. Der Künstler überlässt sich immer selbst und spricht ein unbekanntes Gegenüber an, dem er sein Innerstes offenbart.
Selbst die, die Kunst für irre halten, sie nicht wertschätzen können oder wollen, keinen Zugang zu ihr finden, alles ins Lächerliche ziehen, wenn sie mit der Äußerung „Kann ich auch“ nachmachen, offenbaren das Innerste. Sie zeigen die Missachtung der Herzensangelegenheiten der Anderen. Offenbaren ihre emotionale Kälte.
Kunst ist vielleicht nicht gleich Kunst und man muss die verschiedenen Genres unterscheiden. In welche Kategorie würde man Fatos Irwen stecken. In welche Schublade passt sie als Künstlerin?
Drei Jahre Haft! Was macht das mit einem Menschen? Was macht Gefängnis mit Menschen? Wenn das Unbedarfte in Ketten gezwängt wird, das blühende Leben unterdrückt, gedemütigt, gedeckelt wird, um an Formen und Regeln zu gewöhnen, die ein System aufgestellt hat, damit alles funktioniert und niemand etwas sagen KANN! Damit sich die Menschen nicht gegenseitig zerfleischen. Auch im ernsthaften Bemühen um Schutz für die Schwachen.
Die Erklärung zu Fatos Irwens Geschichte klingt wie eine Geschichte über Mädchen, oder Menschen in der Blüte ihrer Jugend, dazu erzogen sich zu fügen und in ihr Schicksal zu ergeben. Sich demütig zu unterwerfen und das Beste aus dem Schicksal „Frau“ oder „Mann“ oder „Anders“, oder „Opfer“ zu machen. Fatos Irwen beschäftigt sich mit Themen wie Gerechtigkeit, Machtbeziehungen, Glaubenssystemen und Geschlechterpolitik. Und was sie zeigt berührt.
Vielleicht ist erlernbar sich geistig vom Körper zu lösen, damit ertragbar wird, was nicht zu ändern ist. Um Gewaltstrukturen in Gesellschaftsformen, die diktieren und unterdrücken zu ertragen.
Der Arbeitsgrund von Fatos Irwen wirkt vergilbt und alt, die Arbeit aber ist jung. Und man denkt noch so, wie kann man nachhaltig färben? Ohne Chemie. Andererseits: Was ist Chemie? Teein, letztendlich auch Chemie. Wie alles. Vom Urbaustein bis zum großen Gebilde, und alles wechselwirkt miteinander, es muss sich nur nahe genug sein. Die ausgestreckten Fühler müssen ein Gegenstück finden, zur Reizübertragung. Elektromagnetische Änderungen des umgebenden Feldes sind hilfreich. Es liegt immer eine Formel zugrunde, immer eine bestimmte Struktur, die sich bildet, unter bestimmten Rahmenbedingungen. Parametern. Was alles kann man steuern? - Kontrolliert steuern? Wie in der Seidenmalerei kann schon ein Salzkorn das Unmögliche auslösen.
Batik! - Ein Wort, das man aus einer gesellschaftlichen Strömungsrichtung der Kindheit noch im Kopf hat. Seidenmalerei hat man vielleicht in der Schulzeit gelernt. - Wie so Vieles. Der Kunstunterreicht hat vielleicht das offene Denken angestoßen. Sich zu wundern und immer wieder begreifen zu wollen, wie die Dinge funktionieren. Neugier allein kann Prozesse auslösen, die über Zeiten hinweghelfen, die unertragbar sind.
Und man betrachtet die Arbeiten von Fatos Irwen und ist berührt. Arbeiten aus einer Zeit der Inhaftierung. Zurückgeworfen auf sich selbst, mit nicht viel mehr als einem kreativen Kopf, der unentwegt arbeitet und versucht den Sinn zu finden in dieser Welt, um vielleicht etwas zu bewirken zur Verbesserung von Umständen. Das Ergebnis ist wertvoller, als es auf den ersten Blick scheint. Man muss nur genau hinschauen.
Fatos Irwen hat ein Herz berührt. - Ausgestellt bei der Galerie Zilbermann, auf der ART Cologne 2022.