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ART COLOGNE 2021 – Nachklapp I - Oder: Was von einer Messe übrig bleibt.

ART COLOGNE 2021 – Nachklapp I - Oder: Was von einer Messe übrig bleibt.

Eigentlich gäbe es gar nichts mehr zu sagen. Wieder einmal ist eine große Kunstschau zu Ende gegangen, die 54. Art Cologne hat ihre Pforten geschlossen und zurück bleiben Erinnerungen, Ideen, Inspiration, Namen von Künstlern und Galerien und die große Frage nach dem WARUM KUNST?

Wer Kunst kennt, Kunst liebt, sich für Kunst interessiert, kennt die Antwort. EINE Antwort. Eine von vielen, denn eigentlich lässt sich die Frage gar nicht so leicht, und schon gar nicht schnell beantworten.

Vielleicht hat man schon alles gelesen, was es zur Kunst auf der Art Cologne zu sagen gibt, ABER: Wir wollen dann doch noch etwas hinzufügen. Wir fügen hinzu, was sich im Kopf Neues kreiert und gebildet hat. Vernetzt. Aus allem Gesehenen und Erlebten hat sich etwas Neues entwickelt. Etwas, das bleibt. Was in Erinnerung bleibt. Etwas, was nachhaltig ist, in einer Masse an Bildern und Eindrücken, die vollkommen real, und wenn erlaubt, anfassbar sind. (Nein, natürlich ist es nicht erlaubt anzufassen, denn wenn jeder anfasste, würde die Kunst schon bald nicht mehr pur, rein und unverfälscht sein und besondere Fragen, wie zum Beispiel die Frage nach dem Anfang und Ende von zwei Rahmen, die quasi Eins sind [ein stiller Gruß von Escher weht durch den Raum] wäre Kunst schnell jäh entzaubert.)

Im Nachhinein wollen wir ein paar Künstler und Galerien herausheben, die uns besonders beeindruckt haben, Querverbindungen zwischen Kunst und Künstlern schaffen, Visionen in die Zukunft geben und eigene Meinungen offenbaren.

Meinungs- und Informationsfreiheit sind ein hohes Gut. Nicht nur in diesem Land. In fast allen Ländern demokratisch regierter Systeme. Mit ART 19 – Box One, zehn Positionen zehn großer Künstler, zusammengefasst in einer Box, der Box One, zur Unterstützung der Arbeit von Amnesty International, wird Informations- und Meinungsfreiheit von der Art Cologne im Jahr 2021 in besonderem Maße gewürdigt. Gerhard Richter, Rosemarie Trockel, William Kentridge, Ilya Emilia Kabakov, Kiki Smith, Yoko Ono, Shirin Neshat, Shilpa Gupta, Chiharu Shiota, Ayse Erkmen, … sie alle kämpfen dafür nicht schweigen zu „müssen“. Wie auch immer ein Äußern von Information oder Meinung aussehen mag. Vielleicht auch aussehen „sollte“.

In Form von Kunst hat man viele Möglichkeiten auszudrücken und zu informieren. Was von den Galerien und Künstlern auf der ART Cologne 21 gezeigt wird, verwebt sich zu einem besonderen Bild innerhalb der aktuell doch eher schwierigen Lage des Kunst- und Kulturbetriebes.

Das fragmentierte Denken in einer Zeit der Informationsüberladung aus kurzen Dreizeilern via App, zur Betrachtung aufgefordert mittels Beep, und dann erster einsetzender fehlkonstruierter Zusammenhänge, wie Fehlschaltungen von Informationen, die man zusammenbringt, ähnlich willkürlich nebeneinander gelegten Zeitungsartikeln, deren Überschriften einen neuen Kontext ergeben, geben Anlass noch genauer hinzuschauen, als schon in der Vergangenheit. Was hat Bestand? - Was könnte gar von nichtmenschlichen Bots konstruiert sein? - Zusammengeschustert?

Der Klimawandel schwebt über der Messe, ohne dass man ihn sofort erkennt, aber die Positionen sind da.

Früher ging man raus, sammelte Korn, Blumen, Kräuter und Gräser und hatte einen Blick dafür, wenn etwas im Draußen schieflief. Und heute?

Bei der Galerie Neugeriemschneider findet man eine 3D-gedruckte Vase mit Disteln. Nachhaltig(?) für die Ewigkeit konstruiert. Die alten Trockenblumen jetzt überflüssig, das Rausgehen unnötig.

Dagegen aber, ebenfalls bei der Galerie Neugeriemschneider das Werk „Pneuma“ (2021**) von Tomas Saraceno.

Man erinnert sich an die Zukunftsvisionen eines Architekten Callebaut, der Ideen dazu hat, wie in einer durchstreamten Zukunft Architektur impulsschützend und trotzdem hell und licht und dazu noch naturfördernd sein könnte. So könnte Zukunft aussehen, wenn man rechtzeitig damit anfinge. Sich in die Intentionen des Künstlers einzuarbeiten ist noch ein „to do(!)“ auf der Liste. Hat Saraceno auch an Callebaut gedacht, als er Glaskugeln und Pflanzen als hängende Einmaligkeit, ein besonderes Kunstwerk, kreierte? Oder betrachtet man eher seinen Querverweis in Richtung Wassermoleküle, aus denen Pflanzen erwachsen?

Vielleicht ist man in der Kunstsammlung Düsseldorf über das überdimensionale Netz unter dem Glasdach geklettert. „In Orbit“ der Titel. Die Handschrift Saracenos ist das Visionäre, über das irdische Dasein hinaus. Die Beschäftigung mit Netzen mit der bionischen Vorgabe des Wirkens von Spinnen wird angestoßen. Der Wert der Vernetzung ist jederzeit erkennbar.

Wie entstehen Netze? Vernetzungen? Schnittmengen mit Mehrwert? Saracenos „Pneuma“ zeigt den Wert der Vernetzung. Die aus Überschneidung entstehenden Schnittmengen und dadurch entstehenden Räume, vielleicht kleinste Räume, in denen sich Feuchtigkeit sammeln kann, aus denen am Ende Pflanzen ihren Weg finden können.

Mitten im Klimawandel, der unbestritten ein drängendes Problem ist, stehen Umdenken, Verzicht und „Minimizing“ auf der Tagesordnung, was es wiederum den Kreativen schwer macht ihre Positionen an den Betrachter zu bringen. Es scheint, als müsse sich alles Richtung „online“ aufmachen, wäre da nicht die Impulsmasse, die dagegenspricht.

Vielleicht ist die Art Cologne in diesem Jahr daher so besonders, da die realen Sinnes-Eindrücke nach der langen Kulturpause geschärft sind. Obwohl die ganze Kunst-Szene sich in digitaler Richtung bewegt, können Sammler und Händler hier noch den traditionellen Möglichkeiten nachspüren, auch wenn NFT und Kryptokunst als Thema aus der Kunstszene nicht mehr wegzudenken sind. Nicht ganz ohne entsprechende Kritik.

Die Warnungen zu den inzwischen alt gewordenen Neuen Medien zeigen sich sowohl bei den ersten Andeutungen der Großen Meister des vergangenen Jahrhunderts, als auch bei jüngeren Künstlern, die sich gerade erst etabliert haben. Oder auf dem Weg sind sich zu etablieren.

Manches kommt einem altbekannt vor, manches erkennt man wieder. Man findet zahlreiche Offenbarungen im Hinblick auf Vernetzung, Wellen und Verknüpfungen.

Es sind Namen wie Martin Spengler (Thomas, München *), mit „AXA Köln“ (2019**), einem Werk aus Pappkarton, mit dem beginnenden Einsturz eines Hochbaus, vor denen man nachdenklich stehen bleibt und eine ungewollte Querverbindung zu anderen Einstürzen zieht.

Man liest, dass Spengler die Aufwertung der alltäglichen, scheinbar nutzlosen Materialien wie Pappe, Pappkarton oder Verpackung ein besonderes Anliegen sind und kauft ihm seine Intention ab.

Beim nächsten Gedanken ist man bei J Young. Ein „Moment“ des Künstlers (Mo J. Young, Seoul*) wirkt wie auf großformatige Zweidimensionalität gebannte Mikrowellen und mit rudimentären physikalischen Kenntnissen darüber fliegen die Gedanken sofort zu Jochen Hein (Commeter, Persiehl & Heine, HH*), der die dazu entsprechend „Kochende See“ inszeniert und im Gedächtnis manifestiert hat.

Kochende See, Wellen, Monsterwellen, dunkle Wesen, Skulpturen, … noch ein Gedankensprung und man ist bei den bizarren Monstern aus Marvel Filmen der vergangenen Jahre, in denen sich Wesen aus dem Nichts formieren und über die Welt hereinbrechen, mit unfassbarer Energie und Zerstörungskraft.

Finster und dunkel denkt man noch. Dann springen die Gedanken zu den Skulpturen von Jake Michael Singer (THK, Cape Town*), ausgestellt in der Halle der Cologne Fine Art & Design, zur gleichen Zeit, wie die ART COLOGNE 2021.

Singers Skulpturen wirken, wie materialisierte Marvel Filmkreaturen. Man könnte sie als Bedrohung sehen. Was man aber empfindet ist das Gegenteil. Man muss anders sehen lernen denkt man so.

All die Datenströme, die uns kabellose Freuden liefern, könnten vielleicht auch als Wächter fungieren. Taucht man in die virtuelle Welt ein, die bis dato von Menschen programmiert, und zur freien Nutzung freigegeben wurde, ist mit allem erlernten Wissen vorstellbar, dass irgendwann die Grenze verwischt, zwischen simulierter Schattenwelt und realer Wahrnehmung. Schattenwesen, die eines Tages nicht mehr nur virtuelle Realität sind, sondern die Grenze überschreiten.

Vielleicht wird eines Tages aus Versehen der falsche Logarithmus oder Binärcode eingegeben. Es ist vorstellbar, dass die „Augmented Reality“ übernimmt und man in der „virtuellen Realität“ gefangen wird. Quasi verloren geht. Sich verliert. In all den Überlegungen und Versuchen, vorerst nur an Tieren hinter Gittern exerziert (so hofft man inständig), ist vorstellbar, dass die Wahrnehmung irgendwann mit den technisch möglichen Erlebnissen so weit erweitert ist, dass ein vollkommen neues Bewusstsein entsteht, das nicht mehr unterscheidet zwischen Traum und Wirklichkeit. Nicht mehr unterscheiden kann. In der Hoffnung, dass Spieleentwickler und Programmierer reichlich gutartige Kreaturen programmieren, kann man sich vorstellen, dass auch „Wächter“ erschaffen werden.

Eine von Singers Skulpturen ist neben einem Werk von Andrew Kayser platziert, Öl auf Leinwand, „Fragments of longer stories“ (2021**). Im Zusammenspiel wirkt Singers Skulptur wie ein Wächter. Jedenfalls interpretiert man so. Will so interpretieren. Will das Finstere in der Vorstellung nicht aufkommen und schlimmstenfalls am Ende dominieren lassen. Singers Skulpturen aus Stahlstiften, Skulpturen gesichtsloser Wesen, in fließenden Bewegungen, wirken nicht unfreundlich, und das trotz Marvel´scher Filmvorgaben.

Die Präsentation der THK Gallery Capetown ist einer der stärksten Auftritte auf der ART COLOGNE 2021. Die Skulpturen lassen nicht mehr los und sind auch nach geraumer Zeit noch immer als abgespeicherte Imaginationen präsent.

Das Interesse erst einmal geweckt ist man den Spuren des jungen, 1991 geborenen Künstlers aus Kapstadt, im Netz „nachgesurft“ und hat auch nicht stählerne Werke und gefunden, die mehr als überzeugen. (Eine an Eschers verworrene Treppen erinnernde Treppenskulptur mit dem Titel „Escalation Incident“ von (2016**), eine sich ausbreitende gebrochene Welle, betitelt mit „Split your infinities“ (2020**) und eine kupfer-farbene Skulptur „Chromakey Dreamcoat Ordinal“ (2020**) beeindrucken sehr.) Die im Netz entdeckte Skulptur „They, who created themselves“ (2019**) könnte die Skulptur sein, vor der man auf der ART Cologne verharrt. Das Stahlstiftwesen, welches Kaysers Bild von dem Jungen im ruhigen Wasser abschirmt. Ein Junge, wie schutzlos, der den Kopf ins Wasser taucht, ohne Brille, ohne Schnorchel, als ob er „sucht“. Vielleicht aber ist sein Blick auch einfach nur unter die sichtbare Oberfläche getaucht, um neugierig zu beobachten. Der Wächter still daneben, bereit zu schützen.

Längst ist die Welt bis ins Kleinste vermessen und wir liefern GPS-Daten zu unseren Bewegungsprofilen oder unserem alltäglichen Verhalten, ohne, dass wir uns dagegen wehren können. Jedes technische Endgerät, vom Fernseher bis zum Smartphone pulst Daten durch die Atmosphäre. Man muss kein Schwarzmaler sein, um sich die Folgen ausmalen zu können. Singers Werk wirkt wie eine stille Ermahnung vorauszudenken.

Vorauszudenken, auch beim Anschieben von Simulationen Teilchen zu fragmentieren und defragmentieren. Was wir bei Jake Michael Singer sehen (lässt man die Idee vom Wächter außen vor) könnte auch Ergebnis dessen sein, was irgendwann aus den virtuellen Welten von Marvel-Universen heraussimuliert wird. Was geht einem dabei durch den Kopf? Wie beherrschbar wäre eine epische Schlacht gegen Marvel Kreaturen?

Die Kraft der Filmwelten hat unsere Fantasie längst beflügelt und das Querdenken angeschoben. Die virtuelle Brille hält schon Einzug in die privaten Bereiche. Was wird man noch Neues sehen und erleben können, und mit Altbekanntem, Erlebtem oder Erfahrenem in Verbindung bringen?

Denkt man in Richtung Zukunft und Nachhaltigkeit, Klimawandel und Neuem Spirit, könnte Singer als Inspiration betrachtet werden, die positiven Energien zu bündeln und zu verbreiten.

In Anbetracht des jungen Alters des Künstlers Jake Michael Singer sind seine Arbeiten eine besonders starke Aussage, die man zu erkennen glaubt. Man darf gespannt sein, wie sich das junge Talent weiterentwickeln wird und man hofft auf die Kraft der Kunst beim „Managing into the future“, die das Gute fokussiert. Wie die Idee eines Tomas Saraceno, welche der Natur neue Möglichkeiten eröffnet, durch die nicht nur dem Menschen als Art das Überleben auf diesem Planeten gesichert werden.

To be continued.

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