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Kunstmesse ARTe Wiesbaden 08.-10.09.2023

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ARTe Wiesbaden und die Idee von Menschlichkeit, die aus der Kunst herauswächst!

Fade

Menschlichkeit als Ergebnis verschiedenster Prozesse des Werdens aus Elementen, unter chemischen und physikalischen Bedingungen.

Der Mensch als Objekt und das Arbeiten am und mit dem Material… Kunst ist das Tor zur Anderwelt, in der man beginnt das Wesen der Existenz mit anderen Augen zu sehen und sich aus neuen Perspektiven zu erschließen.

3 Tage darf man wieder durch die Nordhalle des Rhein-Main-Congress Centrums wandeln und sich den Positionen der Kunstschaffenden widmen. - Positionen in Wort, Bild und Form.

Still, schweigend, ohne Technobeats,… keine dröhnenden Bässe,… hier soll die Kunst für sich stehen und wirken. - Ein Besuch am Samstag und man hört nur „die Halle“ wispern, in ihr Gespräche über Kunst, und alles, was damit in Verbindung steht. Dabei kann die Kunst selbst in alle Felder hineinreichen!

Sechs lange Gänge und gut aufgeteilte Ausstellungsbereiche. 140 Galerien und Künstler. Nach Zählung im Katalog kommt man im ersten Anlauf auf 19 Galerien und 122 Künstler:innen, die sich präsentieren. Verzählt? 17 bis 18 Galerien und 122 Künstler:innen ergänzen die Präsentation im Foyer, die vor allem durch die Überschrift beeindruckt: "Immer bin ich auf der Suche nach nichts und finde nichts,“ (Enno-Ilka Uhde) einem überdimensionalen Banner mit rosa Papagei, vielleicht ein KAKADU mit ausgebreiteten Flügeln und hoch aufgestellter Haube, über lila Kornblumen.

Draußen vorm rmcc drei amorphe Skulpturen der Frankfurter Bildhauerin Emilia Neumann, am 24.08.2023 eingeweiht.

Über die Optik der eingefärbten „Congress Sculptures“ aus Beton darf man schmunzeln, gleichwohl mit der Aufgabenstellung den tieferen Sinn zu ergoogeln, der durchaus ernst und tragfähig ist. Den Anspruch, den Emilia Neumann selbst an ihr Werk stellt, wie auf der Seite des rmcc zu lesen ist: Freie Interpretierbarkeit durch den Betrachter. Interpretierbarkeit des im Guss eingefärbten Stahlbeton, der sich unter Einfluss von Fluiden Phasen unter unterschiedlichsten physikalischen Bedingungen zu verändern beginnt. Mit Blick auf die Wiesbadener Thermalquellen ein Stadt-referentes Kunstwerk, das dem prunkvoll anmutenden Wiesbadener Kern eine moderne Note verpasst! - Jung, frech, aufrührerisch, mahnend. (Vielleicht, denn es geht um Wasser, dessen Wert man immer wieder neu entdeckt und nie aus den Augen verlieren sollte, und den die alteingesessenen Wiesbadener mit ihren heilenden Quellen und dem erhabenen Kurhaus mit der Inschrift Aquis Mattiacis durchaus kennen.)

An Wasser denkt man vielleicht auch bei den Resin-Werken, die von der Galerie le art ausgestellt werden.

Vielleicht unbeabsichtigt, findet sich ein Werk, das auf den ersten Eindruck vielleicht an Auflösung von calcitischen Strukturen erinnert, vielleicht an Hohlräume in verschiedensten Medien und Bereichen. Man erkennt die Vernetzungen und Verstrebungen, die aus allem am Ende eins werden lassen. Wie Wasser, das sich aus Tonen, oder pelitischen Schichten in die Tiefe „durcharbeitet“, aus Schichten, die noch wassergesättigt und nicht entwässert sind, aber dem Wandel unterliegen und trocknen. Erste Trockenrisse erscheinen. - Entmischung, Bewegung, Fluss… wie Wasser sich seinen Weg bahnt, vielleicht durch Humus-reiche Schichten, vielleicht durch Torf, durch Moor,… Kunst visualisiert und veranschaulicht. Lässt Spielraum zum Querdenken. Und dann hört man ein Flüstern von Besuchern, mit der Idee Zähne zu erkennen. Zerbröselung, Auflösung, Lösung. Offene, poröse Strukturen , inmitten dunkler Höhlen. Vielleicht aber ist es auch genau anders herum und die calcitische Masse baut sich gerade erst auf. Was mag man wohl vor sich sehen? Was sieht man, wenn man sieht und was macht das Gehirn aus der Abstraktion?

Was beginnt es zu verknüpfen, wenn der farbige Blitz durch die helle Masse den gleichen Ton hat wie die Ansicht des Empire State Building mit seiner Antenne im Big Apple New York? - In rostbraunorangener Farbe, wie unter Sahara-Staub versinkend. – Wenn dann der nächste Blick fällt auf die Strichhäufungen von Wolfgang Sobol, deren entferntere Betrachtung im Hirn ein Bild von Bäumen ergibt, weil eben das Gehirn sich an die Form erinnert und aus den einzelnen Strichen das Objekt erzeugt. Fragmentierte Ansichten von feinen Linien und Formen, die ein Bild ergeben. Etwas neues erschaffen, eine neue Erinnerung vielleicht,… Vielleicht!

Das große Wort der Querdenker! Es könnte so sein, oder aber alles auch ganz anders! Es ist, was man draus macht. Der Eine dies, der Andere das, je nachdem, was das Auge schon gesehen hat, im Laufe seines Lebens.

Was es wiedererkennen kann und abgleichen. Und dann kommt man in das globale Räderwerk der digitalen Welt und bekommt eine Idee davon, wie Maschinen funktionieren. Ewig abgleichend die Bilder der Welt, mit denen die Netzwerke gefüttert werden.

Die Künstliche Intelligenz, die aus all dem Chaos wieder etwas reproduzieren soll, falls die eindeutigen Parameter gelöscht werden. Die Masse an Information zu filtern und zu sortieren ist vielleicht an einem Punkt angelangt, der schwer beherrschbar ist. Hundert Jahre weiter gedacht: Was wird geblieben sein, nicht überschrieben, eindeutig und als Basis fürs Weiterdenken verwertbar? Welches Weltwissen soll weitergetragen werden, welche Fragestellungen bleiben relevant?

Kaja El Attar zeichnet voller Schwung und Energie, voller Elan und Lebensfreude! In ihren Arbeiten kann man lesen! Bishin zum Rahmen, der zum eigenen Element mit Lesbarkeit wird. In den Arbeiten wird Fluss und Fließen beim Arbeiten erkennbar, und manches Werk kann aus allen vier Richtungen betrachtet werden, ohne, dass es an Schönheit oder Spannung verliert. - Die Leichtigkeit der Reduktion, das Flüchtige und Harmonische, wie fremde Zeichen einer anderen Sprache, die man vielleicht nie wird lesen können… Kaja el Attar gibt Rätsel auf und lädt ein sie zu lösen.

Gudrun Dorsch, Milanda de Mont, Matthias Kretschmer, Christa Maurer, Dr. Blanca Mandel, Gabriele Rothweiler, Ursula Odermath, Frank Scheidhauer, Betty Schmidt…! Sie alle konnten auf der ARTe Wiesbaden bestaunt und bewundert werden. Ihre Werke zeigen die ständige Arbeit, die Mühe und die Entwicklung der Kunst der einzelnen Künstler:innen!

Künstlerinnen, wie Gudrun Dorsch, CRELALA Kunst-Künstlerin des Monats September 2023, die mit ihren „Bänderleuten“ oder „Mumien“ immer wieder neue Denkanstöße gibt. Bänder, die Körper definieren, ohne Körper innewohnend zu haben. Leere Hüllen, die tanzen und sich bewegen, im Spiel von Licht und Farbe. Die Körper abbilden. Die räumliche Umhüllung von Körper durch Haut in perfektionierter Bindung wird veranschaulicht. Vielleicht auch als Querverweis auf DNA-Stränge (ganz allgemein).

Milanda de Monts neuere Werke sind frisch und hell. Zarter und weniger schwer. Ihr abstrahierter Stil aber ist unverkennbar. Sie erwähnt, sie möchte Neues wagen. Neue Wege gehen und sich selbst neu erfinden. Auf der ARTe Wiesbaden hat sie alte Arbeiten mitgebracht, die ihre Anfänge zeigen. Profile und Andeutungen von Figuren. Vielleicht wird sie dahin zurückkehren. Oder Landschaften malen. - Die Australierin ist und bleibt eine faszinierende Künstlerin, die ihre Abstraktion perfekt zu präsentieren weiß.

Matthias Kretschmer präsentiert sich, gemeinsam mit Stefan Korineks KOSTART mit neuen Weltkarten. Beziehungsweise, neuen Ausarbeitungen von Weltkarten. Die ineinandergreifenden Räderwerke des geräderten Planeten sind eingearbeitet, beleuchtet mit LED, in verschiedenen Farben, vor allem aber Blau- und Grüntönen, wie man sie auch schon von seinen Löffelwerken kennt, von denen es keine weiteren mehr geben wird. Der Fokus im Zentrum, das Auge im Sturm, neben den Weltkarten die altbekannten Löffelbilder als Minis, und Gabeln, wie Sägezähne zerschneidend. Vielleicht Luft, vielleicht Atmosphäre. Beleuchtet, um sich ihrer Schärfe bewusst zu werden! Vielleicht auch ihrer Relevanz. - Das Räderwerk der Existenz, kaum einer inszeniert es so einzigartig, wie Matthias Kretschmer.

Im Zusammenspiel mit den ebenfalls LED-beleuchteten pointierten Arbeiten von Stefan Korinek haben sich 3 Künstler aus der BernArtgasse Produzentengalerie eine Ausstellungsfläche geteilt. Bei Stefan Korinek bekommt man eine gelungene Veranschaulichung von Ursache und Wirkung der LED beleuchteten Flächen. Ein überdimensioniertes Blatt, wie unterm Mikroskop, hat seine Substanz nicht mehr nur wie Herbstlaub eingebüßt, sondern wird „zerstrahlt“. Durchlöchert! Auch die Adern verfallen nicht einfach zu Staub, sie wirken, wie durchs Siebgedrückt, durch nanofeine Lochbleche, analog Gitteröffnungen einer feinen Matrix zerbröselt! Die gekreuzten Linien nicht gerade, sondern chaotisch.

Wellen oder getaktete NetzwerkPulse? Punkte, oder Pixel? Wie fein darstellbar, auflösbar, je nach Fotografie und Bildauflösung. Den Schritt weiter gedacht, aufs „Große Ganze“, oder auch ins winzig Kleine, was machen die Trigger und Pulse, die getakteten Informationen in abermillionenfacher Ausfertigung mit den Massen. Mit organischem Leben. Mit Seele und Geist? Wie tief reichen die Pulse und was bewirken sie?

Was kann alles überlagernd eingespielt werden? Alte Fragen unter neuem Design. Und das Spiel mit Licht und Schatten, Faszinovum seit Anbeginn der Zeit, darf einmal mehr neu betrachtet werden. Schatten an der Wand fotografiert auch Betty Schmidt. Überstrahlte Wesen in hellstem Licht, Sonne, die unerbittlich heiß und strahlend scheint, nicht mehr wiedererkennbare Wesen in der Überstrahlung, die Räume zum Flimmern bringt… alle haben eigene Erfahrungen gemacht, mit der Hitze in den vergangenen Sommern, in denen man sich verändern musste und erfahren hat, wie es sich wohl in den Wüsten der Welt anfühlt. Das Experimentieren mit den Möglichkeiten der Nutzung von Sonnenenergie hat bewirkt: Ein neues Bewusstsein bildet sich für Nutzung von Energie und Energieträgern, sowie ein intensives Nachdenken über den Schutz vor den nicht nur wärmenden, sondern auch verletzenden, gesundheitsgefährdenden Strahlen. Die von Betty Schmidt eingesetzte Technik der gestischen Fotografie, dem Malen mit der Kamera, wobei sie die Kamera absichtlich ruckelt und die Bilder verwackeln möchte, mit den Möglichkeiten der schnellen Bewegungen, wie langsame Vibrationen spielt, werden mehr und mehr auch von anderen Künstlern verwendet. In einer neuen Serie „Im Museum“ wendet sich die Künstlerin einem neuen Feld zu. Der Beleuchtung von Kunst/Kunstwerken und dem Zusammenspiel von Kunst und Betrachter. Das Spiel mit der Strahlung und Überstrahlung und dem, was sie möglicherweise zurücklässt, darf durchaus kontrovers durchdacht und diskutiert werden. Betty Schmidt schenkt neue Denkanstöße zu altbekannten Fragestellungen.

Gabriele Rothweiler setzt in ihren Fotografien Wiesbaden als Kurstadt mit Unterhaltungsfaktor ein Denkmal. Sie präsentiert ihre magischen Fotoarbeiten, in denen sie Wiesbadens Kurhaus und Casino mit dem Großen Spiel ganz eigen beleuchtet. „Aquis Matthiacis“ im Zentrum. - Fjodr Dostojewski, Schriftsteller mit Weltruhm, in Moskau geboren und St. Petersburg gestorben, soll hier seine ersten Erfahrungen am Roulettetisch gemacht haben. Die Stadt soll damit Inspiration für den Roman „Der Spieler“ gewesen sein. Auch Bad Homburg im Taunus erhebt diesen Anspruch für sich. Eine gesicherte Quelle aber findet man auf Anhieb nicht.

Das Aquis Matthiacis über dem Säulengang des Portals erinnert daran, dass man sich erzählt, die heilende Wirkung der Wiesbadener Quellen habe der Stadt wahrscheinlich zu ihrer frühen Blüte verholfen. Sicher ist, es lohnt sich auch ein Spaziergang über das Innere des Congresszentrums hinaus, durch die Landeshauptstadt Hessens, die so viel an Schönheit zu bieten hat.

Die Bedeutung der heilsamen Wirkung von Natur und Wasser wird auch von Ursula Odermath immer wieder auf Leinwand in Szene gesetzt. Kraftorte, an denen man Ruhe tanken kann und Ausgleich findet zum Stress in Beruf und Alltag. Landschaften voller Mystik und Tiefgang laden zum AugenSpaziergang und Fantasiereisen ein. Dem Wasser als lebensspendendem Element kommt einmal mehr verstärkte Bedeutung zu. Auch in Verbindung mit den Pflanzen und Bäumen an den Ufern von fließenden, wie stehenden Gewässern.

Bei Christa Maurer ist es der Lichtstrahl, der sich aus dem Himmel zur Meeresoberfläche senkt, wie ein Kometenschweif eines abstürzenden Himmelskörpers. Vielleicht am Tag. Vielleicht in der Nacht. - Oder zur blauen Stunde. Christa Maurers Spiel mit der Farbe Blau zeigt die Magie dieser Farbe in verschiedenen Situationen.

Nick Marshalek bei Kunst Schäfer aus Wiesbaden begegnet der Welt aus ganz anderer Perspektive. Er erinnert entfernt an einst!. Schrill, farbexplosiv, laut, abstrahiert, menschliche Konturen in vereinfachter, eher cartoonierter, zynischer Darstellung präsentierend stellt er dar wie seinerzeit ein Picasso zur Zeit der großen Umbrüche in allen Gesellschaften der westlichen Hemisphäre. In Symbiose mit den Skulpturen von Frank Leske eine gelungene Ausstellung, die starken Eindruck hinterlassen hat und weit zurück in die Geschichte weist. Obgleich die Arbeiten jung und frisch wirken beschleicht einen der Verdacht, als wollten sie die Alte Zeit wieder heraufbeschwören.

Frank Scheidhauer verwickelt, verwebt, vernetzt und füllt Raum, er braucht wenig Raum und seine Raumsparmenschen beweisen, man kann eine Masse auf engstem Raum so verzahnen, dass kaum noch erkennbar ist, was das einzelne Element ausmacht. Wie eine Mauer aus Menschen setzt er die einzelnen Figuren zu einer Masse, einem Schwarm zusammen, die man jeden Einzeln für sich betrachtet wieder als einzelnen Kubus sehen kann. Die kubischen Elemente kann man nebeneinander, übereinander, hintereinander anordnen und bekommt jedesmal ein eigenes Bild, wie bei einem transparenten RUBIC Zauberwürfel, nur ein klein wenig weniger kubisch, mehr chaotisch „verschlängelt“,… anders eben.

Dr. Blanca Mandel präsentiert dieses Mal farbenfrohe Werke auf der Messe. Weniger mystisch, weniger magisch, mehr voller Leben und menschlicher Energie. Mit Farbexplosionen kämpft sie gegen die Tristesse des Draußen und gibt dem Leben damit Frohsinn und Hoffnung, die ganz ohne die großen Worte auskommt. Hoffnung als eine Art Rat, sich wieder dem Leben zuzuwenden, ganz gleich, in welch tristen Ereignissen man zu ertrinken droht. Dazu bemüht sie die alten Helden wie Humphrey Bogart, Marilyn Monroe, James Dean, Laurel Hardy, Elvis Presley und John Wayne. Werden sich die künftigen Generationen noch an die alten Helden erinnern, in der Masse an neuem bewegt bebilderten Content und der unüberschaubaren Anzahl an Videos von Jugend, die hofft ein Stück, ja vielleicht ein Krümelchen vom großen Kuchen abzubekommen.

Vielleicht Newstars. Vielleicht rising Stars und Sternchen? Vielleicht aber auch nur Hoffende, deren Träume am Ende platzen werden, weil sie nie die erreichen können, die zuhören könnten, weil sie die Schlüssel nicht in Händen halten, die nur den Eingeweihten überreicht werden. Alle Farben des Spektrums einbindend, erinnert man sich bei Dr. Blanca Mandels aktueller Serie ein wenig an Naive Malerei, wobei das Wort naiv wie ein kaputtes Wort dasteht, das in verschiedensten Definitionen negativ besetzt wurde, es im Zusammenhang mit „Naiver Malerei“ aber keineswegs ist. Ganz im Gegenteil! - Eher denkwürdig!

Das mit dem Denken ist sowie so eine Sache. Wahrscheinlich seit Anbeginn eines der best erforschtesten und durchexerzierten Gebiete überhaupt. Und in einer Gegenwart, in der man das Spielen mit, das Trainieren von und das Weiterentwickeln durch KI als Prio A für wirtschaftlichen Erfolg betrachtet ist es kaum verwunderlich, dass man in alle Forschungsfelder hinein Daten zusammenführen will und in die Wolken der Zukunftsutopisten entlässt.

Die Glasstab-Plastiken von Regine Rostalski, gefertigt durch erhitzte, miteinander verbundene, wie verschweißte labortechnisch verwendbare Glasrührstäbe, die sie mit Draht verwebt, dort, wo Stellen offen sind, als Zugänge, wie das Modell einer Gehirnhälfte (vielleicht) aus einem Glasstab-Netzwerk. Als würden verletzte Partien repariert durch Metall, oder durch Glas, je nachdem, wie man es sehen will. In anderen Arbeiten sind die Metalldrähte zum Teil noch offen gesteckt belassen, nicht gebunden, nicht verdrahtet, nicht vernetzt. Eine fächerartige Glaskoralle, wie eine Oktokoralle, oder eine hohlraumaufgebaute, wie eine Rugosa, Regine Rostalski stellt kleine Schönheiten aus, wie wissenschaftliche Schau-Modelle zur Veranschaulichung von Forschung. Was, wenn man die Glas-Metall-Konstruktionen unter Strom setzt? Was wird passieren an den Übergängen, wie Phasenübergängen? Was leitet und wie schnell, wann wird nicht geleitet? Man kann sich mit nur einer einzigen Arbeit auseinandersetzen und die ganze Welt ergründen! Und mithilfe aller Geschichtsbücher und erdgeschichtlichen Betrachtungen kann man sich die irdischen Vorgänge herleiten. Herleiten, wie das Netz immer größer und größer wird, zusammenwächst und am Ende zu einem einzigen Ganzen wird. Das durchleitet.

Verändert man die Rahmenbedingungen, bricht Teile aus dem Netz heraus, sequenziert, dann bleiben Fehlstellen zurück. Fehlstellen, die ausgeheilt werden müssen. Wo Neues erwachsen kann und je nach Rahmenbedingungen, die sich verändert haben können, beginnen das alte System zu verändern.

Bei Regine Rostalski findet man ein Buch, und Worte von Lyrik von Eva von der Dunk, die Worte findet über die Seelenbilder, die Menschen in die Zeit einweben, die in den Erinnerungen vielleicht verblassen wollen, aber von denen, die Worte finden, aufrecht erhalten werden. Manchmal auch über längst vergangene Geister,…, alte Seelen, die nachhallen und wirken.

Die Erden der Welt, die Böden, die Wasser, sie alle überliefern. Überliefern das uralte Wissen, das ein jeder in sich trägt, es muss nur aktiviert werden. Die Überlieferungen mit eigenen Kreationen zu verknüpfen, um die Schönheit der Materie zu veredeln, dafür nimmt sich auch Stefanie von Quast viel Zeit, und sie verbindet Metall und Stein auf ihre Weise. Die Künstlerin nutzt das vorgegebene Material und malt hinein. Ästhetische, zarte Körpern, mal nackt, mal bekleidet, von Liebenden und Verbundenen und Menschen, die als Teil des Ganzen zu betrachten sind und mit der sie umgebenden Materie verschmelzen. Stefanie von Quasts Liebe zum Material ist spürbar in ihren Werken.

Und man darf sich immer wieder fragen, was setzen die Verbindungen in Gang und welchen Materialfluss lösen sie aus. Von Strukturen und Deformation wie Farbgebung und Illusion erzählen auch die Werke von H. Westermann.

Seine Schachbrettfrau zeigt anschaulich, wie sich eine Matrix aus gleichförmig angeordneten Quadraten, im besten Fall dreidimensionalen Kuben, bei Formgebung verändern kann. Wie sich die quadratischen Einheiten verändern und verzerren und wie beim Entwerfen eines Fest-Körpers mit Spannungsellipsoiden gearbeitet werden könnte.

Ganz wie man es bei geomorphologischen Betrachtungen macht. - Im dreidimensionalen Matrixraum werden perefekte Figuren und Modelle entworfen, die vielleicht eines Tages, bei einem „call to action“ aus einer Simulation ins Leben gerufen werden könnten. Man darf zurückdenken an LISA, der helle Wahnsinn und die Erschaffung eines Menschen für sich, den man sich an seiner Seite wünscht.

Jegliche Suche in der Realität würde überflüssig werden. Und man könnte die Voreinstellungen so programmieren, dass vollkommene Deckung aller Bedürfnisse am Ende steht. Muss ein solches Wesen über Gefühle verfügen? – Wohl kaum. – Aber was bleibt, wenn keine Gefühle mehr mitschwingen sollen?

Einen Text, den man in diesem Zusammenhang gern unkommentiert zitieren möchte, hat man auf der ARTE Wiesbaden bei Carmen-Monika-Schlund gefunden. - Eine Künstlerin, die sich in einer digitalisierten Collage mit der Frage nach Menschlichkeit ohne Einteilung in Kategorien beschäftigt.

Lange kann man vor der Collage verweilen und wird mitgerissen in einen Diskurs, der durch die Zeit führt, mit allen Forschungen, allen Ideen, die Menschen zur menschlichen Modifikation und Selbstoptimierung, bis hin zu Selbstautomation und der Idee der eigenen Duplizierung, Erschaffung eines robotischen Duplikats, das nicht mehr nur spirituell aus sich selbst hinaustretend, sondern tatsächlich in real als Lebensduplikat erschaffen wird. Vielleicht in Mehrzahl, um vieles gleichzeitig abarbeiten zu können, was an Aufgabenstellungen alltäglich existiert. Vielleicht hat man schon von Hiroshi Ishiguro gehört und weiß um den Stand der Forschung, wie weit man bei all den Bemühungen der Verdopplung bzw. der Klonung oder digitalen Metamorphose schon ist. Die einen denken dabei vielleicht an die Erfüllung beruflicher Anforderungen, die in ihrer Masse im internationalen Wettbewerb kaum noch zu bewältigen sind,… andere wiederum denken dabei vielleicht an ein Duplikat, das ertragen kann, was von ihm an körperlichen Qualen abverlangt wird, um im internationalen Wettbewerb, bzw. würdigen Menschsein nicht abgehängt, bzw. aussortiert zu werden. - Sei es in Medizin, in Forschung, oder auch in sexueller Hinsicht.

Die Collage „white meets black“ hat ähnlich nachhaltigen Eindruck hinterlassen, wie die international anerkannten Fotoarbeiten von Zanele Muholi. Der Blick des Hybridwesens in Monika Schlunds Arbeit lässt einen nicht mehr los, hat man sich erst einmal auf ihn eingelassen. Bitterkeit, Traurigkeit, Schärfe und Anklage sprechen aus Augen, die vielleicht eigentlich keine Gefühle zeigen sollten.

Es ist nur Gedanke, der im Kontext des vorangegangen Inhalts kommt, aber das Fördergebiet Digitale Drucke führt unweigerlich zur Fragestellung nach dem Internet der Dinge, der Möglichkeiten des 3-DScans und der Druckbarkeit und Reproduzierbarkeit von Materie, als auch organischer Wesen. Im Magazin Art-Profil, das man auf der ARTe Wiebaden erworben hat, hat sich Josef Dreisörner dem Thema Entwicklung von Sex-Robotern gewidmet. Das interaktive Projekt „AI-Robot – Artificial Intelligence“ spielt er in seiner Photographic Art Serie mit ästhetischen Möglichkeiten. Die wachsende Nachfrage nach den Puppen und Spielzeugen, nicht zuletzt gefördert durch das ständig wachsende Angebot an pornografischem Material im Netz ist ein sensibles Thema, dem sich nur wenige nähern. Wohl auch nähern solllten, denn es weckt Sehnsüchte und Ängste und fördert Begehrlichkeiten, die sich vielleicht bishin zu zu krankhaftem Verlangen steigern können. In Kombination mit Carmen Monika Schlunds Fotocollage und der Idee der Beherrschbarkeit und Unterdrückung von Lust und Gefühlen wird auch auf der ARTe Wiesbaden immer wieder das Zwischenmenschliche auf künstlerische Art erarbeitet und lautlos dargestellt. Sensibel, in der Schau für die Öffentlichkeit, aber doch erkennbar. Erkennbar, weil es eben auch eine Facette der Menschlichkeit ist: INSTINKT!

Die Reproduzierbarkeit von gescannten Original-Grafiken, und die Sicherung der Eigentumsrechte an Original, sowie Duplikate ist in Hepp Wiegands Fokus und wer sich mit der etwas in den Hintergrund getretenen Diskussion rund um NFTs beschäftigen will, ist bei neuekunstmip.de und hewipa.de gut aufgehoben.

Was tun wir im Netz? Was sehen wir uns an, wonach suchen wir? Was sind die Keywörter und als welche Trigger funktionieren Worte,…Was wird personalisiert zugeordnet und warum? Zu welchem Zweck? Auf der Arte Wiesbaden findet man Antworten. Man findet das nicht gesuchte Nichts! Das Nichts, das hier analog und real anfassbar plötzlich aufpoppt, ganz wie es digital passiert, ohne dass man es wollte. Dann hat man ein neues Bild im Kopf und entsprechend der gut erforschten INVISIBLE MANIPULATION in der WERBUNG werden Wünsche in die Köpfe der Menschengespielt und Fantasien beflügelt!

Jung, frech, farbstark sticht N.K.Mips Kunst ins Auge. Für seinen Sänger mit BaseCap könnte man auch den Begriff Wut einführen und das gesamte Arrangement führt zu einer seltsamen Assoziation: Wie einer, der hinschauen muss, stillschweigend, und zusehen, wie sich eine reine Seele aufzulösen beginnt, die Kontouren unscharf werden, sich allmählich verflüchtigen, und etwas Besitz ergreift von einem reinen, unschuldigen Wesen, das noch ohne Makel und Flecken, dann der Metamorphose ausgesetzt wird, die sich andere ausgedacht haben, sei es aus Gewinnsucht oder zu Forschungszwecken, oder aus anderen Beweggründen,… vielleicht hehr, vielleicht nieder,… der Versuch wegzusehen, die Bilder aus dem Kopf zu jagen, die immer wiederkehren, sich die Not aus der Seele zu schreien, Zuschauer sein zu müssen, weil es die geben muss, die hinschauen, der Metamorphose in ein Bewusstsein hin zu einer kalten Hülle, die am Ende jeden Schmerz ignoriert… Der Versuch wegzuschauen, sich abzulenken, wird immer wieder scheitern, denn Bilder, die in den Kopf gespielt werden sind die Erbmasse, die weitergetragen wird.

Von abermillionen Menschen, alt, wie jung, oft viel zu jung, der Inspiration dienend neue Handelswege zu erschließen. N.K.Mips Fördergebiet Digitale Drucke fasziniert und lässt gleichzeitig sehr nachdenklich zurück.

Auch das schon genannte Holzatelier M. Westerkamp spielt mit dem Bewusstsein des Menschen. Und dessen Fantasie. Auf den ersten Blick denken die jungen, digital Natives vielleicht schon an 3DDrucke, an Kunststoffskulpturen und vervielfältigtem Design in Kunststoff, aber M. Westerkamp erklärt sein Verarbeiten der unterschiedlichen Hölzer und man lernt von ihm über die Strukturen und Besonderheiten von Holz. Unter seinen Arbeiten findet man die Karodame, die Schachbrettfrau und eine Lady in Black, der man ihre Nacktheit, Verletzlichkeit und Ausgesetztheit erst auf den zweiten Blick ansieht, denn ihr klassisches Dress, das „kurze schwarze“ ist nur aufgemalt. Eine optische Täuschung, weil man sieht, was man gewohnt ist zu sehen, seit der Vertreibung aus dem Paradies nach dem Biss in den Apfel:.

Kleidung! H. Westerkampf ist mutig. Er entkleidet und offenbart, was man nicht verstecken muss, weil es Natürlichkeit ist.Im nächsten Schritt wird man seine Werke vielleicht 3D-scannen und 3D-drucken, so wird man das Antlitz in die Zukunft tragen (können) und jederzeit reproduzieren können, wie es im Merchandising der großen Stars und Sternchen in unzähliger milliardenfacher Zahl schon geschehen ist. Frage ist: Wessen Antlitz wird es in die Zukunft schaffen und über die Zeit nicht vergessen werden? Wie ein Tutenchammun oder eine Nofretete? Welche Biometrie ist so einzigartig, dass man sie jederzeit wiedererkennt. Unverwechselbar? Welche Ansichten werden welche Reaktionen auslösen? Oder sind das Geheimnis die Erweiterungen, die hinzugefügten Details oder weggelassenen Eindeutigkeiten, vielleicht fremden Einschlüsse, die das Indivisuum über die Zeit noch erkennbar sein lassen. Das Schlüssel-Schloss-Prinzip in der Biologie, Schlüsselreize, die Arbeit von H. Westerkamp überlässt viele Denkanstöße für Entwicklungen in die Zukunft. Und seine Schachbrettfrau zeigt eindeutig wie man mit Matrizen und Vektoren spielen kann, wenn man Änderungen herbeiführen möchte. Die Frage ist: Wer bekommt die Schlüssel?

Die Schlüssel, die das Wissen von heute ins Morgen tragen sollen und in die Köpfe der Kinder pflanzen. Die Lehrer und Meister der nächsten Generationen. Die auf ein Morgen vorbereiten, wo sie unter voller Vernetzung leben und agieren sollen und vielleicht die ersten sein werden, die aufbrechen, in weit entferntere Galaxien, wie es die großen Filmemacher schon vor Jahren, seit Raumschiff Orion, Enterprise oder Star Wars prophezeit hatten.

Irina Wolffs großformatige Porträts in düsteren Farben werden als Tibetisches Totenbuch im Netz ausgestellt. Im wesentlichen zeigen sie die Vergänglichkeit, die aber gepaart mit dem lebensfrohen verschmitzten und humorvollen Skulpturen von Vitali Safronov klar verdeutlichen, was das Leben ausmacht: Gefühl und Energie und ewige Verwandlung bis sich am Ende der Kreis des Lebens schließt.

Leben, das sich auf der ARTe Wiesbaden in all seinen Facetten präsentiert und auch Rückblicke zulässt, wie bei der Galerie Kerstan, die an die Kindheit erinnert, in der man bei unbeschwertem Fußballspiel, oder Papierflieger-Weitflugwettbewerben das Leben in vollen Zügen genießen konnte, bis die Mütter zum Abendessen riefen.

Kunst vermag Erinnerungen mit Ideen zu verknüpfen, die ARTE Wiesbaden gibt Denkanstöße dazu.

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