64625 Bensheim

RESISTING ERASURE - ART COLOGNE 2021

RESISTING ERASURE: Queer Art in Hungary, ART 19 – BOX ONE und die schwarzen Fäden einer Didem Erk.

Von der „Welt“ zur Nebensache erklärt, ist der Raum, welcher der Queer Art auf der 54. ART Cologne eingeräumt wird zu groß, um als Nebensache abgetan zu werden. Den Boxring, in dem Performances gezeigt werden, assoziiert man mit sich freiwillig ausgesetzter Gewalt. Die Performances allerdings zeigen stille Kämpfe gegen sich selbst. Versuche des Widerstandes gegen die Impulse, die auf einen einwirken.

Die Kunst des „Fight Club“ ohne Erläuterung zu verstehen ist fast unmöglich. Was man sieht macht nachdenklich.

Einer der Hauptacts am Abend, „Möbius“, findet statt zu Basspulsen, die alles durchdringen und die Akteurin wirken lässt wie in Trance. Entmenschlichte Verrenkungen wirken wie eine Metamorphose. Die Beats bringen transformative Gedanken. „Linked“ in ein fremdes Bewusstsein, im Zusammenspiel mit eigenen Erinnerungen weckt die Performance neue Ideen. Die Einzigartigkeit eines Moments wird erfahrbar. Das Bewusstsein erweitert. Der Beat zählt. Wie ein Puls. Ein Herzschlag der Zeit. Eine alles durchdringende Welle. In Bewegung gesetzte, beschleunigte Elementarteilchen, denen man Widerstand leistet. Reine Energie, in deren Strom man sich nicht verlieren will. Am Ende steht die Kapitulation. Vielleicht ein neues Bewusstsein. Eine Besessenheit von etwas Neuem. Oder dem Geist von etwas Uraltem. Wie eine erwachte Erinnerung aus einer fernen Vergangenheit. Oder einem fremden Universum. Oder dem Traum einer anderen Existenz. Der gesamte Organismus fühlt.

In der Box der „Queer Art in Hungary“: Fotos von Adam Csabi, von einer Szene, die sich exzessiv Technobeats hingibt und geschützte Räume braucht, in denen sie sich der Extase hingeben kann. Die Fotos aus den LGBTQ Communities zeigen, was man als Betrachter vielleicht nicht kennt und als befremdlich empfindet. Wer sich in der Szene bewegt, erkennt die Fotos vielleicht als Reflexion. Ungläubiges Staunen über ein fremdes „Universum“.

Und dann ist da dieses überdimensionale „Wesen“ auf einem Transparent vor einer Videoinstallation. Ein in einer Tonne endendes Transparent eines Wesens, das in einen anderen Organismus übergeht, wie ein Parasit, der eine Symbiose mit seinem Wirt eingeht, sofern es vom Wirt zugelassen wird. Jede Zelle ist durchdrungen von dieser „Zweisamkeit“. Der Widerstand des Wirts-Organismus ist vielleicht, was „Resisting Erasure“ beschreibt. Der Widerstand gegen die Löschung des eigenen Bewusstseins. Der Widerstand gegen die „Übernahme“ durch das Unterbewusstsein. In Vakuumtaschen verschweißte, getragene Kostüme, frieren der Moment erfahrener Erlebnisse ein. Vielleicht als Erinnerung. - Hollow feat. Csenge Vass, Archive X (The Skin).

Warum gerade Ungarn zur Präsentation der „Queer Art“ gewählt wurde, hängt vielleicht auch mit der politischen Situation zusammen. Die Kunstszene Ungarns soll aus ihrem Schattendasein herausgeholt werden, denn sie kämpft für das Recht auf Anerkennung und Freie Entfaltung der Persönlichkeit. Bei „Queer Art Hungary“ vor allem im Hinblick auf die Genderfrage. Die Community kämpft gegen die Verbannung in die Unsichtbarkeit. Ein stiller Kampf durch Kunst. Ein Kampf um Freiheit und Menschenrechte.

Zurück im Ring zwei junge Frauen in zerrissenen Jeans und weißen T-Shirts, barfuß, bereit für einen Kampf mit bloßen Fäusten, jede in ihrer Ecke, bevor sie aufeinander zugehen. Wie Roboter in Zeitlupe. Slomo. Die Show beginnt neben einer Ausstellungsfläche mit verzerrten Gitter. Eine Metallskulptur, wie ein Kristall aus einer anderen Dimension. Präsentiert von der Galerie Schulte. Die Slomo des beginnenden Kampfes wirkt wie ein Auflehnen gegen alle Konventionen. Entschleunigt, mit kaum Bewegung. Der Kampf eher Berührung und Konzentration auf den eigenen Körper. Selbstdisziplin. Konzentration, … Ruhe. Gefühl und Verharren. Kampf durch Gegenkampf. Kampf gegen die Geschwindigkeit. Ein Aufbäumen gegen Gewalt und Brutalität. Ein Zeichen zum Aufbruch in eine neue Zeit. Eine Zeit des Friedens? – Ein Weckruf für die Gegenwart. Wie einst bei Harun Farocki. - Stillstand. Nicht länger laut, schrill und brutal, sondern leise, sanft und gefühlvoll. – Empathie.

Empathie ist schon lange gefordert. Spätestens seit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte.

Die Menschenrechte im Fokus hat Queer Budapest durch die Auseinandersetzung mit der Frage nach sexueller Orientierung und dem Kampf um Menschenwürde ohne Differenzierung. Gleichberechtigung aller Menschen, Freiheit in der Wahl der Lebensführung und Respekt vor der Einzigartigkeit des Individuums, mitsamt seinen unterschiedlichsten Zielvorstellungen, Idealen, Neigungen und Träumen … eine Aussage, die in der Kunst der Künstler transportiert wird. Freiheit, ohne die Freiheit des Nächsten zu verletzen oder einzuschränken! Freiheit, mit dem Willen zum Frieden.

Auch ART19 – BOX 1 – hat die Menschenrechte im Fokus. Das Recht auf Meinungs- und Informationsfreiheit. Artikel 19 der Menschenrechtscharta. 10 großformatige Drucke in einer Limitierung von 100 werden zu je 50.000 € als kompletter Satz der zehn der größten Künstler dieser Zeit verkauft. Künstler wie Gerhard Richter, Shirin Neshat und Yoko Ono rufen mit der BOX ONE zur Unterstützung der Arbeit von Amnesty International auf, das sich für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzt und für die Befreiung zu Unrecht Inhaftierter kämpft.

Dass es bei ART 19 hauptsächlich um die Informations- und Meinungsfreiheit geht, zeigt, wie wichtig das Thema Informations- und Pressefreiheit ist. Das Internet mit den Sozialen Medien ist quasi öffentlicher Raum und bedarf als solcher besondere Aufmerksamkeit. Einerseits darf die freie Meinungsäußerung nicht be- oder gar verhindert werden, andererseits müssen Schutzbedürftige, vor allem Kinder und Jugendliche, auch sicher sein vor Verblendung, Indoktrination und Aufhetzung. Die Thematik ist nicht neu, aber nie zuvor war sie dringender zu behandeln als heute. Das Thema ZENSUR steht nicht zu Unrecht im Mittelpunkt.

Um Zensur geht es auch bei der Künstlerin Didem Erk, auf der ART Cologne vertreten durch die Galerie Zilberman. Didem Erk setzt sich mit dem Verbot von Schriften, vor allem während des Nationalsozialismus auseinander und die in einer Glasvitrine ausgestellten Bücher zeigen mit Faden genäht zensierte Seiten in vergilbten Buch-Exemplaren wie Werke von Stefan Zweig, oder Orson Wells.

Wenn Menschen mundtot gemacht werden ist es eine andere Verbannung in die Unsichtbarkeit, wie sie schon bei „Queer Art in Hungary“ erwähnt wurde. Und wieder ist man bei den Menschenrechten und Artikel 19. Autoren und Journalisten müssen das Recht haben zu schreiben, ganz gleich in welchem Kontext. Für Journalisten gilt allgemein die Beachtung des Pressecodex, allerdings spielt inzwischen eine große Rolle, dass immer mehr nicht organische Bots das Schreiben übernehmen, und die Inhalte vielleicht durch das Erlernen von Schreibinhalten menschlicher, eventuell aber fragwürdiger Vorbilder, geprägt sind.

Wenn man verbale Inhalte aufgrund der Masse an Content im Netz immer schwerer kontrollieren kann, wie kann man den Schutz gefährdeter Personen gewährleisten? Diese Frage nimmt man als eine der großen Aufgabenstellungen mit in die Zukunft und bedankt sich in Gedanken für jeden kreativen Geist, der den Mut aufbringt sich gegen das große Löschen aufzulehnen. Auch wenn er sich damit Gefahren aussetzt, von denen er nicht einmal ahnt, dass sie existieren.

Zensur und Löschung darf nicht die Lösung sein. Das Vorbeugen der Veröffentlichung von fragwürdigen Texten sollte Ziel sein. Kritisches Denken durch Allgemeinbildung zu schulen sollte internationales Ziel sein. Jeder, der an einem smarten Endgerät arbeitet sollte sich darüber im Klaren sein, dass sein Schreiben nicht absehbare Folgen haben könnte. Vor allem, wenn automatisierte Übersetzungsprogramme beim Dolmetschen die falschen Zusammenhänge konstruieren. Die Sprachen der Welt sind es wert genauer in Augenschein genommen zu werden. Es muss für das Bedenken der vielfältigen Übersetzungsmöglichkeiten eines Wortes sensibilisiert werden. Dem großen Aufbegehren in der Bevölkerung und einer Eskalation kann man vorbeugen.

Die „Welt“ stuft die diesjährigen ART COLOGNE in der Bedeutung herab, aber tatsächlich hat der Neustart Kultur etwas Großes geleistet. Das Denken verändert sich. Die Betrachtung von Kunst findet neue Wege. Dabei steht man vielleicht erst am Anfang, aber es ist ein Hoffnungsschimmer, dass die Kunst neue Richtungen erkennt und auch im Hinblick auf Klimawandel und Nachhaltigkeit neue Wege geht. Communities wie „Queer ART in Hungary“ könnten dabei eine größere Rolle spielen, als man ahnt.

Betrachtet man den CO2Ausstoß bei Suchanfragen und deren klimatologischen Auswirkungen ist es vielleicht an der Zeit einen Schritt zurück zu gehen und für mehr Beachtung der Arbeiten auf Papier zu werben. Ding Yis jüngere Arbeiten der „appearance of crosses“ aus den Jahren 2018 und 2019, präsentiert durch die Galerie Karsten Greve, beweisen, dass Papier ein ernstzunehmendes Medium in der Kunst ist. Nicht zuletzt, weil es eine impulsfreie kreative Umsetzung von Statements ist.

Auch Pappe wird immer häufiger als kreativer Mal- und Arbeitsgrund verwendet, wie Martin Spenglers beeindruckende Arbeit „AXA - Köln“ aus dem Jahr 2019, ausgestellt von der Galerie Thomas, gezeigt wird.

Von Christo und Jeanne Claude weiß man längst um den Wert von Skizzen, die als Vorarbeit zu den großen Präsentationen im öffentlichen Raum angefertigt wurden. Das Übertragen einer Idee als Skizze auf Papier oder Papyrus, war nach der Steinzeit durch die gesamte Geschichte hindurch immer der Beginn von großartigen Entwicklungen. Der Einsturz des Stadtarchivs in Köln aber beweist, dass Papier ein Schatz ist, der nicht leicht zu hüten ist. Manches vermeintlich wertlose Gekritzel auf Papier ist vielleicht dem Müll zum Opfer gefallen, da der Betrachter den Wert nicht erkannt hat.

„Resisting Erasure“ könnte noch weitreichender quergedacht werden, im Kern aber geht es um die Sicherung von Spuren der Existenz, um Menschenrechte und den Erhalt von kreativer Arbeit. Um den Erhalt von Gedankengut und Erinnerungen, die man der Nachwelt erhalten will. Sei es nun als Skizze, Zeichnung, Druck oder Malerei, als digitale Datei, Hologramm oder Live-Performance in geschützten Räumen. Möglicherweise ist vollständige Löschung ohnehin nicht möglich, denn bereits der erste Gedankenimpuls wird in Zeit und Raum gesendet und ist damit unlöschbar unterwegs. Das führt schlussendlich zur Notwendigkeit sich jederzeit darüber im Klaren zu sein, was man an kreativer Arbeit vollbringt und wem man es zugänglich macht. Nicht jeder ist für alles empfänglich und hier setzen die Überlegungen an, die in Versuchung führen Zensur gut zu heißen. Freiwillige Selbstkontrolle funktioniert nur nur bedingt, sie braucht Unterstützung. Eine der großen Aufgaben der Gegenwart und für die Zukunft. Das ist die Quintessenz, die man durch die ART Cologne 2021 bestätigt sieht.

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