64625 Bensheim

Matthias Kretschmer

Hohlgespiegeltes Essbesteck, das Netz und Löffel im Kreis – Matthias Kretschmer, die Kunst und eine etwas andere Reflektion der Dinge

„Ins Wasser fällt ein Stein und zieht weite Kreise.“ An der Veranschaulichung dessen, was ein Impuls auslösen kann, haben sich schon viele versucht. Künstler vor allem. Einer von ihnen ist Matthias Kretschmer. Der im österreichischen Gmunden am Traunsee geborene Künstler hatte eine außergewöhnliche Idee zur Veranschaulichung der Kreiszahl Pi: Er wählte den Löffel!

Ein Löffel ist ein Löffel ist ein Löffel. Möchte man meinen. Und man würde es vielleicht bei der Einordnung des Werkzeuges zur Nahrungsaufnahme per definitionem belassen, gäbe es da nicht die Kunst. Und Matthias Kretschmer.

Spürt man dem Künstler nach (im Netz, wo sonst) findet man unzählige neue Gedankenansätze zu einem so einfachen, auf den ersten Blick unscheinbaren, Gegenstand und man stolpert über die Bedeutungen, über die man im Normalfall nicht weiter nachdenkt.

Der Löffel wird plötzlich zum Synonym für die Menschlichkeit, was auch immer man darunter verstehen mag, aber es waren Menschen, die sich zur Erleichterung der Aufnahme fluider Phasen den Löffel erschufen. Alles was in fester Phase existiert, kann man mit Händen, oder wenn man sich die denn nicht schmutzig machen will, mit Stäbchen, oder noch ausgefeilter, mit Messer und Gabel aufnehmen. Aber der Löffel war ein Geniestreich der Geschichte. So einmalig, wie das Formen von Schalen aus Lehm. Nichts mehr, das aus hohler Hand heraustropfen kann.

Das sind so die Gedanken, die man sich macht, wenn man vor der Kunst verharrt und sich die Frage stellt, was einen Künstler antreibt Löffel (und Gabeln oder Patronen und Zigaretten und Flaschen und auch andere negativ belegte Gegenstände) in Kreise zu legen.

Und dann haben wir nachgefragt.

Es ist ein freundliches Telefonat. Die deutsch-deutschen Verständigungsschwierigkeiten zwischen österreichischem und deutschem Deutsch sind vergleichsweise gering. Nur manchmal muss man sich sehr konzentrieren, um den „Sound“ richtig zu deuten. Die Aussprache der eigentlich selben Sprache. Und dann hat man noch nicht über die unterschiedlichen Bedeutungen nachgedacht, die ein Wort je nach Region haben kann. Kommunikation ist alles. Je nach Dialekt braucht man auch keine Landesgrenzen, um sich NICHT zu verstehen. Manchmal reicht schon die „Gender“-Frage. Was man hört und was das Gegenüber sagt, … manchmal, als ob man nicht dieselbe Sprache spräche. Aber mit Matthias Kretschmer reden wir KUNST. Eine ohnehin sehr komplizierte Sprache.

Bei den Löffelkreisen will der Künstler dem Betrachter die Fantasie nicht nehmen. Er sagt selbst, jeder soll sehen, was er will. Im Wesentlichen ist es für ihn wie die Veranschaulichung eines Kollektivs. Ein Löffel im Kreis, einer von Vielen, das Kollektiv eine runde Sache. Einer rechts daneben, einer links daneben, einer oben drüber, je nach Hängung, oder unten drunter, ein Kreis eben. Die perfekteste geometrische Form in einer Ebene. (Hat Matthias Kretschmer auch Löffel-Kugeln gebaut?) Einheit, Symmetrie und perfekte Kohärenz.

Der Löffelkreis. - Die Idee mit dem Löffel hat der Künstler erstmals 2015 umgesetzt, seitdem hat er viele Löffel inszeniert. Und nicht immer nur zirkular. Immer aber spektakulär, nicht zuletzt durch die Möglichkeiten der Beleuchtung mit LED. Die politischen Aspekte der Arbeit, erkennt man erst, wenn man tiefer in die Arbeit des Künstlers eintaucht. Das ist die Aufgabe, die er quasi mitliefert.

Mit „recent world“ hat er eine großformatige, LED-beleuchtete Weltkarte erschaffen, die den Zustand der Welt eindrucksvoll in Szene setzt. Bei „under the surface“ erkennt man die Brandherde, wo man sie denn sehen will, sie leuchten, allerdings kann der Farbwechsel auch so verstanden werden, dass sie je nach politischem Zusammenspiel der Mächte und der Führung innerhalb der einzelnen Systeme austauschbar sind. Die Interpretation der Werke darf offen sein. Lichtinszenierte Einzigartigkeiten, eine dem Farbwechsel ausgesetzte Einteilung der Welt, als Weltkarte in Konferenzräumen, hat die Kraft neue Gedanken und Ideen in Bewegung zu setzen. Plötzlich werden alte Vorstellungen über den Haufen geworfen, man denkt neu, will neu denken, und will sich vielleicht neue Wege ausmalen, Lösungen erarbeiten, friedliche Lösungen, vielleicht, erträumen.

Die globalisierte Welt ist untereinander stark abhängig. Spätestens seit der Pandemie und der Notwendigkeit der Maskierung, zum Selbstschutz, sowie dem Schutz der Anderen, hat gezeigt, wie fragil das Zusammenspiel der Mächte ist. In dieser Zeit hat Matthias Kretschmer jeden Tag eine neue Maske erschaffen. Die Alltagsmaske. Und der Erlös aus den Masken wurde karitativ gespendet. Soziales Engagement auf eine etwas andere Weise. Mit Liebe und Leidenschaft für die Kunst, mit den eigenen Möglichkeiten etwas zu bewirken, das kann Kunst.

Die Maskerade hat gerade erst ein Ende, da setzt Matthias Kretschmer Stadtansichten in Blau und Gelb in Szene. Eine Serie von Heimatbildern, die abstrahiert wirkt.

Auch die „Alten Meister“ der Klassik bekommen ein neues Denkmal gesetzt. Ebenfalls in Blau und Gelb. Zum Beethovenjahr überlässt der Künstler dem Betrachter eine neue Ansicht des Komponisten. Und die Alt-Meister-Kollegen der Klassik werden gleich mitgeliefert, was Beethoven in seiner Einmaligkeit zwar etwas abschwächt, andererseits vielleicht auch einfach zeigt, was diese Welt im Laufe der Geschichte für einmalige Persönlichkeiten hervorgebracht hat. Beziehungsweise, welche einmaligen Persönlichkeiten sich im Laufe der Geschichte bleibend ins Gedächtnis „gearbeitet“ haben. Den Mehrwert von Kunst und Kultur mag so manch einer in Frage stellen, doch immer wieder werden Kunstwerke oder Kompositionen mit Wiedererkennungswert als Inspiration oder Impulsgeber beim Managing ins Morgen herangezogen. Sie haben die Kraft Seelen zu berühren.

Wir haben Matthias Kretschmer gefragt, was er als nächstes vorhat. Die Masken sind für ihn kein Thema mehr, nur noch ein kleines, alltägliches, notwendiges Übel, je nach Inzidenzwert und Corona-Lage. Die Löffelserie wird so allmählich auslaufen. Die digitale Kunst ist für ihn nicht real genug. Er will anfassen und erleben können, mit eigenen Augen sehen, nicht durch die virtuelle Brille, im digitalen Raum, sondern in der gelebten Wirklichkeit. Er will sich weiter ausprobieren. Bunter, bzw. farbiger werden. Weiter mit Farbe und Licht experimentieren, Material variieren. Die toxischen Materialien will er künftig weglassen. Er wird seine Kunst wahrscheinlich auch weiterhin schrill inszenieren und man darf seine Meinung in seinen Werken „finden“. Sei es nun gesellschaftlich, oder politisch. Auf die internationale Bühne hat er es bereits geschafft. Mit Humor und Ausstrahlung zieht er die Betrachter in den Bann und man hat das Gefühl, man hat einen vor sich, der das Leben liebt. Er will, dass man das spürt, wünscht sich für seine Werke, dass es ihnen auch beim neuen Besitzer gut geht, denn jedes Werk ist für ihn wie ein Kind. Es muss nicht perfekt sein, aber man muss es lieben!

Wohin auch immer sich seine Kunst weiterentwickeln wird, für die Frühentdecker wird er wahrscheinlich der Mann mit den Löffeln bleiben. Und macht man den Löffel zum Objekt der Begierde wird man viel Kurioses, Bizarres und Denkwürdiges finden, in einer global vernetzten Gegenwart, der man nicht leichtfertig vertrauen sollte. Eine Gegenwart, bei der man aufmerksam bleiben, gerne einmal mehrere Meinungen anhören, und im Kreis denken sollte.

„Der zündende Funke, der den Bildern im Kopf Flügel verleiht“ (so liest man auf seiner Seite) muss nicht ausschließlich digital umgesetzt werden, er kann auch im Hier und Jetzt, gleich und real überspringen. Und Kreise ziehen. Wie die fixe Idee mit dem Löffel.

Das Wichtigste, was man von Matthias Kretschmer hört: „Kunst muss Spaß machen!“

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