Ein Bravo an die Kunst - Aschaffenburg und seine mainart…
Ein Bravo an die Kunst. - Was wäre Mensch nur ohne kreative Ader? - Aschaffenburg und seine mainart…
Ingrid Maria Stockmann, Joachim Lehrer und Tehrani Maneis sind die Gewinner des Publikumspreises der mainart 2026 in Aschaffenburg, und auf den Logenplätzen darf man bewundernd über die Bandbreite der Kunst in der Grünewald-Halle schauen, um zu beobachten, wie besondere Werke so mancher Künstler, anders formuliert, so manche Werke besonderer Künstler, ihre Besitzer wechseln.
In einer Sonderschau wird viel berichtet über die Arbeit der Künstlerin und Bildhauerin Ursula Ullrich-Jacobi, die 1926 das Licht der Welt erblickte, als Tochter mit jüdischen Wurzeln, die ihren Erfahrungsschatz über den Umgang von Menschen mit Menschen, vor allem in Kriegs- und Krisenzeiten durch die Zeit, bis ins Heute getragen hat. - Um Erinnerung wach zu halten und zu bewahren.
Auf der mainart wird die Bildhauerin Ursula Ullrich-Jacobi als eine Dame geehrt, die fast ein ganzes Jahrhundert durchschritt und Aufstieg / Untergang / Fall und nachkriegszeitlichen Wiederaufbau erlebt hat, sowie den Kalten Krieg erfahren. Den Werdegang von Radio-, Film- und Fernsehgeschichte erlebend, wuchs sie mit ihren künstlerischen Statements. - Bildhauerisch, malerisch und in denkwertem Design. Ihre Türgriffe seien hier besonders hervorzuheben.
Türgriffe zu entwerfen ist etwas, worüber sich kaum Einer Gedanken machen wird. Aber fast Jeder nimmt Griffe in die Hand. - Was heißt das? – Kann das bedeuten? – Welche Bakterien und Viren nimmt man mit einem einzigen Griff auf, und mit? - Wo fasst man an, was hält man fest, wann führt man die Hand zum Gesicht, atmet ein, was nicht mit dem eigenen Körper kompatibel ist? Was trägt man weiter? Über biologische Grenzen hinweg?
Bronze-Türgriffe an großen Portalen – ein Zeichen von Wohlstand. - Ein Zeichen von Geld. –An Banken, an Rathäusern, an alten Prunkbauten und Schlössern,… die Räte, die Staatstragenden, die Wissenden, die Hütenden… die Sonderschau präsentiert eine ganz eigene Sammlung von Insignien der Macht.
An Fabelwesen wie die Protagonisten aus Saint Saens „Karneval der Tiere“ anlehnend, erinnert man sich mit einem Augenzwinkern sogleich an George Orwells „Farm der Tiere“ (Animal Farm) von 1945 als A warning to mankind. – und an Big Brother in 1984, geschrieben 1949. Lange bevor das Privat-Fernsehen ein denkwürdiges Format daraus machte.
George Orwell, Die großen Werke schleichen sich nahezu unbemerkt in die Grünewaldhalle, ohne erwähnt, genannt, oder abgebildet zu werden. ABER: Sie sind da. In all den Köpfen der Kunstbegeisterten, die unter Ihresgleichen sind.
Der Visionär Orwell mag nichts mit Ursula Ullrich-Jacobi gemein haben, außer der Inszenierung der Metapher Tier-Mensch, aber man kommt doch nicht umhin sich die Frage zu stellen:
Wieviel Zeitgeschichte lässt sich visionär vorhersagen? Und in welchen Fabeln erkennt man Persönlichkeiten des realen Lebens, deren Charaktere man nicht ungestraft öffentlich verunglimpfen darf.
Wieviel „Vorhergeschriebenes“, wird am Ende wahr? – Und warum? – Wie? – Durch menschliches Zutun, oder aus einem automatisierten Reflex, einem Impuls heraus, der irgendwoher durch Zeit und Raum (Netzwerke) getragen den falschen Adressaten erreicht. – Oder richtigen. – Je nach Sichtweise. – Die Philosophen und Denker der Welt denken eine Menge quer, um zu Lösungen und Rat zu gelangen, der vielleicht die ein oder andere herbeigedichtete, vorgeschriebene oder längst verfilmte Katastrophe abzuwenden vermag.
Die großen Ratshäuser, die geheimen Räte, Goethe irgendwo zwischendrin und eine Faust, die schweigend andeutet, dass das Ertragen so mancher Wahrheit bisweilen unerträglich ist… setzte Ursula Ullrich-Jacobi das Kriegerdenkmal Rothenbuch, das nicht den Krieg zur Schau stellt, als Versuch Hoffnung nach einem Krieg zu vermitteln.
In künstlerischer Reduzierung, mit Klarheit und Weisheit und immer bei sich, darf man nach einem fast ganzen Jahrhundert Leben den Engel als Symbol der Hoffnung auf einem Kriegerdenkmal erkennen lassen, der sowohl für Erlösung, als auch Rettung steht. Die grafischen Zeichen versenkt, abgesenkt, nicht aufgesetzt.
Die pastellfarbenen informels neben der Sonderschau, abstrakt und vage, zeigen Andeutungen von was? - Mit feinen Zeichnungen eindeutiger Motive, wie einem Drachen, der sich über ein Bild schlängelt, wie über ein Luftbild, einem Wolkenwirbel gleich, der sich über die Bilderwelt zu bewegen scheint.
Kunst ist Erzählen. Kunst sind Geschichten und Kunst ist auch Musik. Mal laut, mal leis und manchmal totenstill.
Bei Joachim Lehrer erkennt man eine etwas andere Art der Spielerei mit Seelenwanderung, Träumen und Visionen,… Altniederländische Lasurmalerei, Schicht für Schicht hauchdünn aufgetragen, ohne, dass ein Pinselstrich die Oberfläche bricht…wird Licht herausgearbeitet und Tiefe erzeugt, die elektrisiert. Vergessene Welten werden zu neuem Leben erweckt und der Zauber von Wind, Wetter und Weite, immer mit dem Akzent der Pferdestärken, die einst gezogen haben, trägt durch die Prärie, die an den wilden Westen erinnert, wie man ihn aus alten Filmen kennt, als noch Erwachsene Cowboys und Indianer waren und Sergio Leone die Musik zu „Spiel mir das Lied vom Tod“ komponierte.
Das Strahlen der Sonne, am Horizont den Himmel färbend, erschafft Joachim Lehrer Farbenleuchten.
Ob Isetta mit Caravan, Leuchtturm in tosender Brandung, oder umgebautes Flugzeugwrack… Joachim Lehrer hat seinen 2. Platz als Publikumsliebling verdient. An Karen Shahverdian, oder Ralf Lürig erinnernd, kann man sich seine Werke als Posterfassung im Nachdruck für Viele voller Sehnsucht nach Unendlichkeit vorstellen. - Poster, wie sie in den Neunzehn-Achtzigern Kinderzimmer schmückten. Die Älteren erinnern sich vielleicht zurück an diese Zeit, als vielleicht in der ein oder anderen Schule in den Klassen der Teenager Posterkataloge unterm Tisch durch die Reihen herumgereicht wurden, und man sein erstes Taschengeld ausgab für Bestellung von reproduziert gedruckter Kunst, die aus Kostengründen noch nicht im Original erstanden werden konnte. Damals war der Posterkauf vielleicht das Erwachen der Kunstbegeisterung. Romantik schlich sich in die Köpfe und das Leben erhielt eine weitere Prägung.
In der BRAVO wurden zeitgleich Stars „gemacht“. – Moderne Helden, denen man nacheiferte, und die man bewundern durfte! Und die bis heute immer wieder gemalt und auf die ein oder andere Art abgebildet werden. Aus Wertschätzung und / oder als inspirierendes Vorbild.
Auch antike Helden wie Alexander, der Große, mittelalterliche Oberhäupter, z.B. Karl, der Große, oder geniale Komponisten, wie Beethoven, dessen „Fünfte“ Ewigkeitscharakter hat und dessen „Neunte“ TAUB unvollendet blieb, kommen bei Dustin Din in Farbkombinationen daher, die den Übergängen der Lichtbrechung entsprechen. Oder an Nordlichter nach großen Sonneneruptionen erinnern. Farben, bei denen sich die Frage gestellt werden darf, ob sie der Harmonielehre der Komplementärkontraste entsprechen.
Die Wiedererkennbarkeit so mancher farblich besonders gestalteter Arbeit steht dem Werk eines Benjamin Burghardt in nichts nach, dessen Werk in den Pastelltönen grün-lila, in der Phase des Dreiklangs in Köln eine Laudatio erhielt, als er mit Georg Pummer zusammen die Welt aus einem andern Blickwinkel zu betrachten versuchte.
Auf die Details aus der Geschichte achtend leitet Dustin Din zur Gegenwart über.
Kleine goldene polierte und/oder patinierte Bronze-Vögel im Vollguss von Harald Hertel, und ein bunt besprühter riesen FAT-BIRD, aufgeplustert, sich vor Kälte schützend (vielleicht), sind optischer Blickfang bei CRELALA Kunst, der Galerie im Meerbachtal, am Fuße des Odenwalds. Sie sitzen zu Füßen der hinter Lichtpulsen verschwindenden Badenden bei
Der Mobilmachung der vergangenen Jahre begegnet die Galeristin Christina Labonté-Steinmann mit Humor und findet bei Künstlerinnen wie Marina Krohs den Gegenentwurf mittels Humor, wie unschwer erkennbar in ihren schrägen Typen und den streitbaren Figuren von Lagerfeld, dem Gewebekenner, oder Udo, dem Einen am Klavier, oder dem Anderen, mit dem Panikorchester und dem unvergesslichen Zitat “Keine Panik auf der Titanik”. Udo, der gerade seinen achtzigsten Geburtstag feiert und sich vielleicht noch an den vorwendezeitlichen Sonderzug nach Pankow erinnern kann, oder Coco Chanel, der Stilikone, die in die Ewigkeit getragen werden darf durch den unvergesslichen Duft von Chanel No5. Oder noch ganz anders jüngst mit YAYOI KUSAMA, mit ihren abertausenden Punkten, wie Echos aus der Unendlichkeit, bei KROHS in red, die im Kölner Museum Ludwig gegenwärtig in einer Soloshow der Superlative im Schatten des Doms mit ihren Arbeiten zu bestaunen ist. Arbeiten, die sich bis in den Dachgarten ausbreiten, wo man in einer Spiegelbox in eine etwas andere Welt eintauchen darf und die sichtbare Realität in Frage stellen darf.
Interpretationsspielräume offen lassend arbeiten auch die Künstlerin Lidija Karsch, mit Wurzeln in Serbien, oder Alexandre Osipov, der russische Akzente setzt.
Gunda Jastorffs abstrakte Arbeiten wirken wie Schneelandschaften, bildgewordenes WEIß, hell, und nur vage andeutend, was wichtig ist, so wie Corinna Kleindorp auf der 2026er Ausgabe der mainart nur mit Blau angetreten ist. An das Yves Klein Blau erinnernd, vielleicht preußisch blau, Tinten-Königsblau, das in die tiefsten Tiefen der Unendlichkeit zieht, am Anbeginn eines jeden neuen ins Licht tauchenden Tages, vom Übergang Nacht zu Tag in der Blauen Stunde.
Man kann es zulassen, erfahren, oder eben verleugnen und ablehnen, was das Sein oder Nichtsein ausmacht. Den Geist loszulassen und frei zu sein, zu schweben und aus sich herauszutreten, sich von außen wahrzunehmen und den Zustand von vollkommener Glückseligkeit zu “fühlen”, kann man sich als Rausch vorstellen. Oder man bleibt “in sich”, dem eigenen Körper gefangen und darf dem eigenen Verfall live beiwohnen, ohne eine Ahnung davon, dass es über den Horizont hinausgehen kann. - So oder so, nichts ist ohne Veränderung, nichts von bleibender Dauer, Nichts singulär für die Ewigkeit gemacht, nicht einmal im Modell Isolation, die man mit Schrödingers Katze noch in Erinnerung hat. - Transformationen und Metamorphosen finden immer statt, allzeit und überall.
Am Ende ist in der Summe alles EINS. Zu hundert Prozent, zu tausend Promille.
Wieviel man von dem Eins als winziges Staubkorn im Universum ist, als Teil des Ganzen, kann errechnet werden, im Versuch simuliert und nachgestellt werden, aber wie klein und fein das Elementarteilchen auch werden kann, dem durch äußere (oder innere) Kräfte hervorgerufenen Chaos unterworfene elementare Kräfte wirken immerzu und verändern die Positionen und Wertigkeit. Bestimmen den Aufbau der Cluster der Massen. Man kann steuern und die Richtung bestimmen, oder sich alles selbst überlassen. Dann kann man schauen wohin es führt.
Inwieweit alles kontrollierbar sein kann, oder werden kann, das kann man philosophisch erarbeiten. Oder mathematisch. - Maneis Tehrani überliefert Ansätze dieser Überlegungen in seinen Darstellungen.
Die mainart 2026 ist auch in der siebten Auflage wieder Denkanstoß zum Hinschauen. - So oder so wieder eine Aufforderung zum Sammeln von Kunst und Supporten der Künstler. Ein Aufruf zum Unterstützen von Künstlern, Philosophen und Kulturschaffenden mit einem etwas anderen Blick auf die Welt.
